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Veränderung der Handlungsbereitschaften

Unter Handlungsbereitschaft oder Motivation versteht man die Bereitschaft eines Tieres, ein bestimmtes Verhalten auszuführen, und zwar als Antwort auf eine bestimmte auslösende Reizsituation oder spontan. Man spricht z.B. von Schlafbereitschaft, Fluchtbereitschaft, Fressbereitschaft, Balzbereitschaft, Kampfbereitschaft, Brutpflegebereischaft... und meint damit die sich verändernden physiologischen inneren Bedingungen im ZNS und Hormonsystem, die dafür verantwortlich sind, dass Tiere und Menschen zu verschiedenen Zeiten gleiche Reizmuster verschieden beantworten bzw. überhaupt nicht beantworten.

Ob eine bestimmte Handlungsbereitschaft vorhanden ist, kann somit nicht direkt, sondern nur am Auftreten einer bestimmten Verhaltensweise erkannt werden.

Als mögliche Ursachen für Veränderungen einer bestimmten Handlungsbereitschaft sind festgestellt worden:

1. Reifebedingte, irreversible Veränderungen im Körper

Reifung bedeutet die Vervollkommnung eines Verhaltens ohne Übung. Sie beruht auf genetischen Informationen.

Z.B. sperren junge Singvögel nur in den ersten zwei Lebensmonaten, dann nicht mehr.

Libellenlarven stellen einige Tage, ehe sie zur Verwandlung das Wasser verlassen, den Beutefang ein.

2. Jahresperiodische Vorgänge im Körper

Jahresperiodische Vorgänge gelten als Außenreize, die bedingte Hormonausschüttungen verursachen. Als Außenreize gelten z.B. Veränderung der Temperaturen oder z.B. auch Veränderung der Tageslänge.

Als typische jahresperiodische Vorgänge im Körper gelten als Beispiel die Brunftzyklen, Wanderungszyklen, wie etwa der Vogelzug ; oder auch Zyklen in der Vorratshaltung, wie etwa Nüssevergraben durch Eichhörnchen im Herbst.

3. Tagesperiodische Vorgänge im Körper

Tagesperiodische Vorgänge im Körper werden von einer inneren Uhr gesteuert, die ihrerseits durch Außenreize justiert wird, z.B. Schlaf- und Wachrhythmus.

So behielten Versuchspersonen selbst unter konstanten Dauerlicht in klimatisierten, schallisolierten Versuchsräumen ihren Schlaf - und Wach - Rhythmus ein. Das gleiche passiert bei Reisenden, die über weite Strecken Richtung Osten oder Westen fliegen (Jet-Lack).

Äußere Zeitgeber, wie der Hell-Dunkel-Wechsel, dienen lediglich der Synchronisation der inneren Uhr mit der Erdrotation.

4. Motivierende Reize

Motivierende Reize sind Reize, die den Antrieb für ein Verhalten erhöhen.

Beispiel bei Hausmäusen: Man gab einer Hausmaus ein totes Jungtier bei. Es entwickelte sich kein Brutpflegeverhalten bei ihr. Gab man ihr ein lebendes Jungtier, entwickelte sich ein Brutpflegeverhalten. Tauschte man nun dieses Jungtier mit einem toten Jungtier aus, entwickelte sich auch hier ein Brutpflegeverhalten. D. h. ihr innerer Antrieb muss nun höher sein als im Eingangsversuch, sodass auf eine antriebserhöhende Wirkung des Reizes "lebendes Jungtier" geschlossen werden kann. Einen solchen Reiz, der den Antrieb erhöht, bezeichnet man als motivierenden Reiz.

Ein weiteres Beispiel ist das Kampfverhalten des Buntbarsches:

Ein in einem Aquarium zusammen mit Jungtieren lebender Buntbarsch greift diese mäßig oft an. Zeigt man ihm nun eine Artgenossenattrappe erhöht sich die Zahl der Angriffe pro Minute. Man kann die Zahl der Angriffe als Maß der Kampfbereitschaft sehen. Daraus ergibt sich: Der Reiz "Rivale" erhöht die Kampfbereitschaft. Die Rivalenattrappe ist ein motivierender Reiz.

5. Versorgungszustand mit Nahrung oder Flüssigkeit

Der physiologische Zustand beeinflusst den Antrieb der Nahrungsaufnahme. Der Versorgungszustand wird über den Blutzuckerspiegel oder über den Hormonspiegel gemessen..

Als Versuchsbeispiel stehen hier die Fliegen:

Man beobachtete bei Versuchen, dass Fliegen, die gerade erst gefüttert wurden, nur noch Nahrung mit hoher Glucosekonzentration aufnahmen. Die Höhe der Glucosekonzentration stellt hier die Qualität der Nahrung dar. Verlängerte man die Zeit der zwischen der Fütterungen zeigte sich, dass die Fliegen auch bereit waren Nahrung mit geringerer Glucosekonzentration aufzunehmen. Die Aufnahme stärker verdünnter Zuckerlösungen kann als Ausdruck höherer Saugbereitschaft aufgefasst werden. Die Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme ist also um so kleiner, je besser der Versorgungszustand ist, und um so größer, je schlechter er ist.

6. Vorausgegangenes Verhalten (aktionsspezifische Ermüdung)

Sinkt die Handlungsbereitschaft für eine Instinkthandlung, weil diese Handlung oder ihr letzter Teil gerade abgelaufen ist, so bezeichnet man dies als aktionsspezifische Ermüdung.

Wir nehmen hier das Beispiel der Springspinnenmännchen:


Abb.: Veränderung der Balzbereitschaft

Springspinnmännchen führen bei der Balz vor Weibchen bestimmte Balzbewegungen aus. Der Balztanz lässt sich auch durch Attrappen der Weibchen auslösen. Nach einiger Zeit bricht das Männchen aber seinen Tanz vor der Attrappe ab. Man beobachtet einen Zusammenhang der Balzdauer mit den Zeit, die seit der letzten Begattung verstrichen ist. Man erkannte, dass das Männchen um so länger vor der Attrappe tanzte, je länger es nicht begattet hat.

Interpretiert man die unterschiedliche Balzdauer als Ausdruck unterschiedlicher Balzbereitschaft, so ergibt sich:
Die Bereitschaft zur Balz sinkt nach Paarung und steigt dann später wieder.

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Von der aktionsspezifischen Ermüdung sind deutlich körperliche und reizspezifische Ermüdung abzugrenzen!

Reizspezifische Ermüdung:

Geht die Abnahme für die Handlungsbereitschaft wegen der Gewöhnung an den auslösenden Reiz zurück, so spricht man von reizspezifischer Ermüdung. Man erkannte beispielsweise, dass Vögel sich zuerst von Feldern mit Vogelscheuche fernhielten. Nach einiger Zeit der Gewöhnung näherten die sich aber wieder den Feldern.

 Körperliche Ermüdung bedeutet die Ermüdung der Muskulatur.

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Protokoll von Andreas F. u. Jörn H.

Abbildungen aus: Daumer K., Hainz, R.  1984:Verhaltensbiologie München